Durch zunehmenden Kostendruck und die neuen verfahrenstechnischen Möglichkeiten ist das Hybridspritzgießen heute zu einem etablierten und häufig eingesetzten Verfahren geworden. Ziel der Hybridtechnik ist die synergetische Nutzung der Eigenschaftsprofile der beteiligten Verbundpartner um so multifunktionale und hoch steife Bauteile mit geringem Gewicht herzustellen. Hierbei werden Blechstrukturen versteift, geometrisch stabilisiert, im Arbeitsaufnahmevermögen verbessert und um zusätzliche Funktionen wie Einschraubdome, Schnappverbindungen und Führungselemente erweitert. Neben der Abgrenzung der verschiedenen Hybridtechniken und dem Eigenschaftsvergleich der beteiligten Verbundpartner stellt dieser Artikel wichtige Einflussfaktoren für die Bauteilauslegung und die Materialauswahl dar.
Hybridstrukturen bestehen aus mindestens zwei
unterschiedlichen Werkstoffen und werden für zahlreiche
Anwendungen eingesetzt. Es entstehen kostengünstige
Bauteile in denen die unterschiedlichen Eigenschaften der
beteiligten Werkstoffe synergetisch genutzt werden.
Für die Herstellung von Hybridstrukturen haben sich
unterschiedliche Verfahren wie das Verkleben, das
Schweißen, die Montage, die Coextrusion und das
Gießen und Umspritzen etabliert. Betrachtet man den
Bereich des Umspritzens von Einlegeteilen im
Spritzgießwerkzeug mit Kunststoff, so lassen sich die
Insert-, die Outsert- und die Hybridtechnik unterscheiden.
Die Gemeinsamkeiten liegen hierbei in der Herstellung
funktionsintegrierter Verbunde mit hoher Gestaltungsfreiheit,
Präzision und geringem Aufwand in der Nachbearbeitung.
So werden Blechstrukturen versteift, geometrisch
stabilisiert, im Arbeitsaufnahmevermögen verbessert und
um zusätzliche Funktionen wie Einschraubdome,
Schnappverbindungen und Führungselemente erweitert [1].
Diesen vielen Möglichkeiten, die sich dem Konstrukteur bieten stehen aber auch etliche Grenzen entgegen. D.h. aufgrund der Kombination von sehr unterschiedlichen Werkstoffen – wie in diesem Artikel noch näher betrachtet wird – müssen Versagensfälle berücksichtigt werden, die bei reinen Kunststoff- oder Metallkonstruktionen meist nur eine untergeordnete Bedeutung spielen. Neben den Hafteigenschaften der beiden Materialien spielen im Bauteil vorliegende Spannungen (Eigenspannungen, Spannungen aufgrund von Molekülorientierungen) oder aufgebrachte thermische oder mechanische Spannungen eine große Rolle. Je nach Konstruktionsprinzip können oder müssen diese ggf. von der mechanisch gesehen schwächeren Kunststoffkomponente aufgenommen werden. Die folgenden Bilder zeigen die unweigerliche Folge einer Fehleinschätzung von auftretenden Spannungen und das daraus folgende Schadensbild des Kunststoffs.
Daraus wird deutlich, dass sich Anwender und Konstrukteure mit dem Zusammenspiel zwischen den beiden Materialien unter Berücksichtigung der Spezifika der Konstruktion des Bauteils auseinander setzen müssen. In den folgenden Kapiteln wird deshalb detailliert dargestellt was diesbezüglich insbesondere für den Verbundpartner Kunststoff zu berücksichtigen ist.
Unter hybriden Strukturen können verschiedenste Systeme verstanden werden. In diesem Artikel werden ausschließlich Kunststoff-Metall-Hybride behandelt. Im Folgenden wird zunächst kurz auf eine Begriffsabgrenzung der unterschiedlichen Hybridsysteme eingegangen und anschließend der wesentliche bei der Anwendung von Hybridteilen immer wieder herausfordernde Punkt der sehr unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften der Verbundpartner behandelt.
Inserttechnik: Bei der Inserttechnik überwiegt das
Kunststoffteil im Gewicht und Volumen und dient als tragende
Struktur für die Einbringung von Funktionselementen wie
z.B. Gewindeeinsätzen [1].
Outserttechnik: Im Gegensatz zur Inserttechnik stützt
sich die Outserttechnik auf eine in das Werkzeug eingelegte
meist metallische Trägerplatine, die hohen Anforderungen
an Maßhaltigkeit, Steifigkeit und Festigkeit
genügen muss. In eingestanzte Aufnahmelöcher dieser
Trägerplatine können dann unterschiedliche
Funktions- und Verbindungselemente aus Kunststoff wie Lager,
Gleitschienen, Schnappverbindungen, Anschläge und
Einschraubungen formschüssig gespritzt werden [1,2].
Spritzgegossene Kunststoff-Metall-Hybridstrukturen:
Spritzgegossene Kunststoff-Metall-Hybride nutzen synergetisch
die Eigenschaften der beteiligten Verbundpartner, wodurch
eine rationelle Fertigung von multifunktionalen
Leichtbaustrukturen ermöglicht wird. Die Kombination der
Vorteile jeder einzelnen Werkstoffgruppe ist das Ziel bei der
Anwendung dieser Technik. So können z. B.
dünnwandige Blechprofile durch das Aufbringen geeigneter
Kunststoffstrukturen versteift werden, indem der Vorteil des
geringen spezifischen Gewichtes der Kunststoffkomponente mit
den für die jeweilige Anwendung relevanten Eigenschaften
der Metallkomponente kombiniert wird.
Die Kunststoffrippenanordnung muss sich dabei maßgeblich
an dem Kraftfluss und den Krafteinleitungsstellen
orientieren. Zur Erhöhung der mechanischen Belastbarkeit
der Hybridstrukturen ist eine optimale Kraftübertragung
und –verteilung zwischen den beiden Komponenten
anzustreben. Diese Kraftübertragung zwischen den
Verbundpartnern wird durch einen Kraft-/Formschuss erzielt,
d.h. die Kunststoffschmelze dringt in Öffnungen des
Metallteils ein und bildet dort dauerhaft feste Verbindungen
[1, 3].
Ein Vergleich der Eigenschaften der beiden Verbundpartner zeigt, dass sich Metalle gegenüber den Kunststoffen durch hohe Werte der Dichte, Steifigkeit, Festigkeit, Wärmeleitfähigkeit, elektrische Leitfähigkeit sowie durch geringe Wärmeausdehnung und eine geringe Kriechneigung auszeichnen. Die Hauptunterschiede der beiden Werkstoffe liegen allerdings zum einen im Bereich der Gestaltungsfreiheit (bedingt durch die Urformverfahren für Kunststoffe) und zum anderen im thermischen Einsatzbereich. Kunststoffe weisen eine deutliche Temperaturabhängigkeit auf, die bei Metallen im üblichen Einsatztemperaturbereich nicht bzw. wesentlich geringer ausgeprägt ist. Einen Eigenschaftsvergleich verschiedener Werkstoffe, zusammengestellt aus unterschiedlichsten Tabellenbüchern, zeigt die folgende Abbildung.
Im Gegensatz zu Metallen sind die Eigenschaften der
Kunststoffe dabei nicht nur temperaturabhängig, sondern
auch zeitabhängig, so dass ein Kriechen und Fließen
des Werkstoffs unter aufgeprägter Belastung stattfinden
kann. Je nach Belastungsgeschwindigkeit und Temperatur
reagiert der Kunststoff mit unterschiedlich hohen Anteilen
von energieelastischen, entropieelastischen und plastischen
Verformungsanteilen [4].
Ein weiterer deutlicher Unterschied liegt im anisotropen
Verhalten der Kunststoffe. Je nach Fließrichtung der
Schmelze treten durch Molekül- und
Füllstofforientierungen richtungsabhängige
Eigenschaften auf.
Im Sinne des Hybridspritzgießens gilt es diese
unterschiedlichen Eigenschaften synergetisch zu nutzen und
die Vorteile der beiden Werkstoffe in einem Bauteil zu
vereinen.
Wird für die Umsetzung einer gewissen Bauteilanforderung das Hybridspritzgießkonzept ausgewählt, so ergeben sich für den Konstrukteur eine große Anzahl von Fragestellungen, die von der Materialauswahl, über den im Bauteil vorhandenen Spannungshaushalt, den kunststofftechnischen Gesichtpunkten bis hin zum Nachweis der Eigenspannungen reichen können.
Wie im Kapitel “Hybride Strukturen und mechanische Eigenschaften der Verbundpartner im Vergleich“ beschrieben, weisen die beiden Komponenten Metall und Kunststoff extrem unterschiedliche mechanische Kennwerte auf. Neben den positiven Aspekten wie z.B. größere Steifigkeit durch den Metalleinsatz und z.B. größere designtechnische Möglichkeiten durch den Kunststoffeinsatz ergeben sich für die Verarbeitung und die Materialauswahl wichtige zu beachtende Kriterien. Entscheidende Punkte, die bei der Materialauswahl unbedingt beachtet werden müssen, stellen u.a. die
dar. Die unterschiedlichen Eigenschaften der Verbundpartner haben dabei einen entscheidenden Einfluss auf den später im Bauteil vorliegenden Spannungshaushalt und müssen aus diesem Grund exakt aufeinander abgestimmt sein.
Die Auslegung der Formstabilität unter der
Berücksichtigung der zu übertragenden Kräfte
eines Hybridbauteils stellt in vielen Fällen eine
große Herausforderung für den Konstrukteur dar.
Neben den aufgeprägten Lastspannungen, die thermisch
oder mechanisch hervorgerufen sein können, müssen
auch die im Bauteil so gut wie immer eingefrorenen inneren
Spannungen Berücksichtigung finden, damit es nicht zu
einem Versagen (wie z.B. Risse) in den Kunststoffkomponenten
kommt. Dies ist besonders kritisch, wenn z.B. eine Kraft
durch die Metallkonstruktion in ein Bauteil eingeleitet wird,
und über die Kunststoffkomponente auf weitere Baugruppen
wie z.B. Aufhängungen oder Rahmenkonstruktionen
übertragen werden soll.
Bei der Auslegung eines Hybridbauteils müssen
grundsätzlich die folgenden Spannungsarten
Berücksichtigung finden.
Bei der nun folgenden Betrachtungen der Spannungsarten wird zunächst auf den Spannungsaufbau bzw. –verlauf in den Kunststoffkomponenten eingegangen und anschließend auf die durch den Einsatz der Metalleinleger entstehenden Besonderheiten hingewiesen.
Innere Spannungen, die entweder durch Orientierungen
(entropieelastischer Anteil) oder Eigenspannungen
(energieelastischer Anteil) hervorgerufen werden, liegen so
gut wie immer in einem Kunststoffprodukt vor. Die
Orientierungen werden im Wesentlichen durch das
Füllverhalten der Kavität induziert. Die
Eigenspannungen resultieren unter anderem aus der für
Kunststoffe typischen großen Volumenkontraktion (im
Vergleich mit Metallen). Während bei der freien
Schwindung der Spannungsaufbau in einem relativ kleinen
Bereich statt findet, werden bei einer gebundenen Schwindung
i.d.R. wesentlich höhere Eigenspannungen bis hin zum
Versagen des Bauteil durch z.B. Rissbildung aufgebaut.
Durch die Kombination eines geschlossenen Einlegers mit einer
Kunststoffkomponente findet in vielen Fällen eine
formgebundene Abkühlung des Polymers statt, woraus hohe
(Zug-)Eigenspannungen resultieren können.
Bei der Auslegung des Hybridspritzgießprozesses muss
diesem Sachverhalt größte Aufmerksamkeit geschenkt
werden. Die Konstruktion und die richtungsabhängige
Schwindung des Kunststoffes müssen aufeinander
abgestimmt sein. Aus diesem Grund ist der Einsatz von
duktilen Kunststoffen in vielen Fällen von Vorteil, da
der Kunststoff in der Lage ist, sich bei Überbelastung
stark zu verformen, bevor er versagt.
Für die Optimierung der inneren Spannungen in einem
Hybridspritzgießbauteil muss zunächst analysiert
werden, aus welchen Gründen die inneren Spannungen
entstanden sind. Es sind die folgenden
spannungsimplizierenden Fälle zu
unterscheiden:
Von außen aufgeprägte Spannungen können in
thermische und mechanische Lastspannungen unterschieden
werden. Die thermischen Spannungen sind auf den relativ
großen Wärmeausdehnungskoeffizienten der
Kunststoffe zurück zu führen. Wenn eine
ungleichmäßig im Bauteilvolumen verteilte
Erwärmung des Bauteils erfolgt, resultiert daraus auch
eine ungleichmäßige Veränderung der Dichte.
Letzteres führt dann zu einem nicht unerheblichen
Spannungsaufbau, der bis zum Versagen des Bauteils
führen kann.
Die auf ein Bauteil wirkenden Kräfte verursachen die
mechanischen Lastspannungen, welche die Konstruktion
übertragen können muss. Die Kräfte sollten
aufgrund der extrem großen mechanischen Unterschiede
größtenteils durch die Metallkomponente
übertragen werden. Sollte dies aus
konstruktionstechnischen Gründen nicht möglich
sein, so sollte die Konstruktion so erfolgen, dass eine
möglichst optimale Spannungsverteilung in der Struktur
vorliegt. Auch in diesem Fall haben unterschiedlichste
Anwendungen gezeigt, dass durch den Einsatz eines duktilen,
und damit verformbaren Kunststoffes eine homogenere
Spannungsverteilung im Bauteil erzielt werden kann.
Besonders problematisch für den Einsatz eines Hybridbauteils ist jedoch der Fall, dass eine Überlagerung der Eigenspannungen mit den Lastspannungen in dem Kunststoffkomponentenbereich vorliegt. Im günstigsten Fall heben sich die unterschiedlichen Spannungen auf, da Sie in entgegengesetzter Richtung wirken. Kritisch ist jedoch der Fall, dass alle Spannungsarten in die gleiche Richtung wirken und so extreme Spannungsspritzen auftreten, die ein plötzliches Bauteilversagen zur Folge haben. Eine optimale Hybridauslegung sollte deshalb eine Minimierung aller Spannungsarten zum Ziel haben.
Bei der Bauteilauslegung müssen – wie im Folgenden dargestellt – wichtige kunststofftechnische Aspekte Berücksichtigung finden, die die Möglichkeiten aber auch die Grenzen einer Hybridstruktur aufzeigen.
Eine besondere Eigenschaft von Kunststoffen ist, dass Sie
leicht modifizierbar sind. Dazu werden u.a. aus
unterschiedlichsten Gründen Füllstoffe wie
Zellulose, Holzmehl, Talkum, Kreide oder auch Glasfasern in
das Polymer eingearbeitet.
Langglasfasern werden im Allgemeinen dazu verwendet, die
mechanischen Eigenschaften wie E-Modul oder Zugfestigkeit zu
steigern. Die Eigenschaftssteigerungen sind jedoch in den
meisten Fällen anisotrop, was z.B. anhand der
Kurzzeitzugfestigkeit deutlich wird.
Neben diesen Eigenschaften wird aber auch eine Vielzahl von anderen Eigenschaften beeinflusst.
Durch die Verwendung von Glasfasern in der Kunststoffkomponente ergeben sich die unterschiedlichsten Möglichkeiten für die Hybridkonstruktion. Durch die gezielte Beeinflussung der Glasfaserorientierung kann die zu übertragende Kraft gesteigert werden. Des Weiteren ist es wünschenswert, dass die thermischen Längenaus¬dehnungskoeffizienten von Metall und Kunststoff möglichst identisch sind, so dass durch Temperaturänderungen möglichst wenige Spannungen induziert werden. Eine longitudinale Orientierung von Langglasfasern hat einen wesentlich geringeren Ausdehnungskoeffizienten, bis in den Bereich von Metallen, zur Folge. Aus diesem Grund sollte die Glasfaserorientierung direkt neben dem Metalleinleger möglichst in Längsrichtung vorliegen.
Der Spritzgießprozess sollte, verglichen mit dem
Standardspritzgießprozess, so gestaltet sein, dass ein
möglichst homogenes Eigenschaftsprofil im Bauteil
entsteht [5]. Aufgrund des Umströmens des Einlegers sind
in den meisten Fällen mehrere Bindenähte
unvermeidlich und bilden die Schwachstellen im
Gesamtbauteil.
Auch die Maßtoleranzen des Metalleinlegers sollten in
einem möglichst geringen Bereich liegen. Sie haben einen
direkten Einfluss auf die zu durchströmenden
Kavitätsquerschnitte, und beeinflussen dadurch die
Formfüllung. Durch zu große Maßschwankungen
oder eine ungenaue Positionierung wird somit das
Eigenschaftsprofil beeinflusst und es entstehen
ungleichmäßige Bauteile. Wegen der
unterschiedlichen Kunststoffschichtdicken erfolgt eine
ungleichmäßige Abkühlung, wodurch große
Spannungsunterschiede im Bauteil entstehen, was bis zum
Verzug auch von extrem massiven Metalleinlegern oder zu
Rissen in der Konstruktion führen kann. Generell gilt je
größer die Schmelzeschichtdifferenzen, desto
größer sind die Spannungsunterschiede aufgrund des
Temperaturprofils.
Die Qualität eines Hybridspritzgießbauteiles wird auch entscheidend durch den Verbund zwischen Metalleinleger und dem umströmenden Kunststoff beeinflusst. Eine gleichmäßige Kraftübertragung durch Haftung ist dabei effektiver als durch Formschluss. Dies ergibt sich zum Einen aus der Größe der Kontaktfläche und zum Anderen aus der Vermeidung von Spannungsspitzen beim Formschluss. Ähnlich wie bei der Mehrkomponentenspritzgießtechnik hat die Benetzung der ersten Komponente (Metall) durch die zweite (Kunststoff) eine bessere Verbundfestigkeit zur Folge, was durch eine gereinigte Metalloberfläche verbessert werden kann. Auch die Vorwärmung des Einlegers sowie der Auftrag einer Ummantelungsschicht (Primer) wie z.B. Epoxidharz haben einen positiven Einfluss auf die zu erreichende Verbundfestigkeit.
Wird ein Metalleinleger vom Kunststoff überströmt, so entstehen während der Abkühlung zumeist hohe Spannungen in der Kunststoffkomponente. Bei einer zyklischen Temperaturbelastung entstehen somit zyklische Spannungsbelastungen. Gerade bei zyklischen Beanspruchungen muss das Alterungsverhalten der Kunststoffkomponente berücksichtigt werden, da es durch die Veränderung der mechanischen Materialeigenschaften zu einem Versagen des Bauteils kommen kann. Der nachfolgenden Abbildung ist exemplarisch das Alterungsverhalten von Kunststoffen durch einen Alterungsprozess zu entnehmen.
Spannungen in einem Hybridbauteil sind schon alleine aus dem
Verbund der beiden unterschiedlichen Konstruktionswerkstoffe
so gut wie unvermeidbar. Will man die Spannungen z.B.
für die Vorhersage der Lebensdauer in einem
Hybridbauteil nachweisen, so sollte die Auswahl eines
Prüfverfahrens den Erfordernissen der Praxis angepasst
sein. Das ist nur möglich, wenn man die mechanische
Belastung, das betreffende Umgebungsmedium sowie die
Einsatztemperatur des Formteils kennt. Wie bei vielen
Prüfungen an eigens dafür hergestellten
Probekörpern, lassen sich die Ergebnisse nicht ohne
weiteres auf Fertigteile übertragen. Neben den komplexen
inneren und äußeren Spannungen ist der von den
Herstellbedingungen abhängige Zustand des Werkstoffs
für dessen Verhalten von Bedeutung. Des Weiteren
müssen immer die Relaxations- und Retardationseffekte in
den Kunststoffkomponenten Berücksichtigung finden, da
Innere Spannungen über der Zeit und in Abhängigkeit
der Temperatur abgebaut werden können, was sich in
vielen Fällen positiv auf die Bauteileigenschaften
auswirken kann. In manchen Fällen werden deshalb
Hybridbauteile einem Temperprozess zugeführt, um den
inneren Spannungshaushalt zu reduzieren.
Der Nachweis, dass Spannungen in der Kunststoffkomponente
vorliegen, kann u.a. mit Hilfe folgenden Verfahren erbracht
werden:
Für die Bauteilauslegung ist es somit erforderlich diese Spannungen im Vorfeld abzuschätzen und in der Praxis mit den Möglichkeiten der oben erwähnten Methoden zu validieren, um so das Prozessverständnis zu steigern und um Bauteilversagen mit den Konsequenzen der Produkthaftung zu vermeiden.
Besonders problematisch für den Einsatz eines
Hybridproduktes ist der Fall, dass eine Überlagerung der
Eigenspannungen mit den Lastspannungen bei ungünstigem
alterungs- und richtungsabhängigen Verhalten in der
Kunststoffkomponente vorliegt. Für eine korrekte
Bauteil- und Prozessauslegung sowie Bauteil- und
Prozessoptimierung müssen daher alle Ursachen für
ein Versagen des Bauteils Berücksichtigung finden.
Hierbei ist es nötig, zum Einen alle möglichen
Versagensursachen und Einflüsse entlang der Prozesskette
(Spritzgießen und anschließende
Bearbeitungsschritte) aufzuzeigen und zu erkennen und zum
Anderen die Bedingungen des Bauteileinsatzes im Lebenszyklus
und deren Einflüsse auf ein eventuelles Versagen zu
validieren.
Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist die
Spannungsverteilung in einem Hybridbauteil, die sich entlang
der gesamten Prozesskette auswirkt. Gerade bei
Weiterverarbeitungsschritten, die erhöhte Temperaturen
erfordern, wie z.B. das Lackieren, das Schweißen oder
weitere Konfektionierungsschritte, müssen die
Relaxations- und Retardationseffekte eines Kunststoffes
Berücksichtigung finden.
Ein gutes Hilfsmittel zur ersten Vorhersage von
Bauteileigenschaften stellt der Einsatz von FE-Programmen
dar. Für eine Bauteilauslegung werden typischerweise
Spritzgieß-simulationsprogramme wie
“moldflow“ oder “moldex3D“ sowie
für die Spannungsberechnung “ABAQUS“ oder
“ANSYS“ eingesetzt, um nur einige zu nennen.
Vorsicht ist allerdings bei der Interpretation der Ergebnisse
geboten, denn insbesondere die bei der Spannungsberechnung
verwendeten Materialmodelle bieten in Kombination mit den
üblicherweise vorliegenden Materialdaten einige Fallen
in die der Anwender treten kann.
Alle möglichen o.g. Spannungsfälle bei der
Auslegung von hybriden Bauteilen mit Hilfe von Simulationen
oder auf andere Weise zu berücksichtigen ist in den
meisten Fällen häufig aufgrund fehlender Datenbasis
fast unmöglich. Dennoch werden Hybride Strukturen
erfolgreich eingesetzt, was zeigt, dass auch bei nicht
vollständigen Informationen über das Material- und
Bauteilverhalten die Auslegung von hybriden Strukturen
gelingt. Unter der Voraussetzung eines guten Basis-Know-Hows
über die o.g. Aspekte ist der Anwender gut beraten, wenn
eine schrittweise Vorgehensweise bei der Optimierung der
Bauteile angegangen wird, bei der z.B. zunächst die
wesentlichen Spannungsanteile qualitativ abgeschätzt und
dann unter kunststofftechnischen Gesichtspunkten minimiert
werden.
Als Fazit dieses Beitrags mit Bezug auf den Titel kann also
eindeutig festgestellt werden, dass es zwar etliche Grenzen
gibt, die im wesentlichen die Bauteilgestaltung und die
Materialkombination von hybriden Strukturen betreffen. Dass
dem Anwender aber unter Beachtung dieser Grenzen viele
Möglichkeiten eröffnet werden, die nur mit
Kunststoff-Metall-Verbunden erreicht werden können.
[1] Zhao, G.: Spritzgegossene, tragende
Kunststoff-Metall-Hybridstrukturen, genehmigte Dissertation
der Technischen Fakultät der Universität
Erlangen-Nürnberg, Technisch – wissenschaftlicher
Bericht, 2001
[2] Günter, H.: Outserttechnik:
Zwölffach-Heißkanalwerkzeug für
Mikrogehäuse aus Polyphthalarmid (PPA), Kunststoffe 88
(1998) 1 S. 57-58
[3] Goldbach, H.: Pkw-Tür aus
Kunststoff-Stahlblech-Verbund, Kunststoffe 81 (1991) 1 S.
634-637
[4] Schnieders, J.: Analyse der Fertigungs-
und Prozesseinflüsse auf die Spannungsrissbildung beim
Fügen amorpher Thermoplaste mittels Heizelement,
genehmigte Dissertation der Fakultät für
Maschinenbau der Universität Paderborn, 2004
[5] Ridder, H.: Durchgängiges Konzept
für die Auslegung von
Spritzgie߬sonderverfahren am Beispiel der
Gasinjektionstechnik, genehmigte Dissertation der
Fakultät für Maschinenbau der Universität
Paderborn, 2005
[6] Grellmann, W.; Seidler, S.: Deformation
und Bruchverhalten von Kunststoffen, Springer Verlag, Berlin,
1998
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